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AM RANDE DER NACHT, eine Oper nach dem ebenso wegweisenden wie viel zu wenig bekannten Roman von Friedo Lampe, der gleich nach seinem Erscheinen von den Nazis aufgrund eindeutig homoerotischer Szenen verboten wurde, bedient sich einer Klangsprache, die bewußt dem Entstehungszeitpunkt des Stoffes geschuldet ist.

Der Roman spielt in Bremen zu Beginn der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts.
Die Musik übernimmt den Part der bezaubernden Lyrismen jener halb ex-, halb impressionistischen Prosa. Das sehr spezielle Flair des Textes, übersetzt ins theatralisch-dramatische, ginge sonst unweigerlich verloren.

Hörbeispiel 1

"Ja, die Zeit ging dahin, für den einen zu langsam und für den andern zu schnell. Und doch ging sie weder schnell noch langsam, sondern in gleichmäßigem, unerbittlichem, pausenlosem Schritt, wie das Flötenspiel des Herrn Berg, das über die Gärten dahinklang, unaufhörlich, in ehernem Gleichmaß. Die Zeit bewegte sich in allem, bewegte alle und alles, und alle bewegten sich in ihr, sie trieb in Wasser und Bäumen und Wind, im Blut und im Pochen der Herzen, sie trieb und sie strömte und drängte aus dem Dunkel und ins Dunkel zurück, die Nacht war heraufgekommen, irgendeine, eine von unzähligen, und sie würde so nie wiederkommen. Wie sie jetzt das Leben fügte, so würde es nie sich wieder fügen, und wer sie nicht lebte, in Traum oder Wachen, wer sie versäumte, der hatte sie immer versäumt, und sein Leben war um weniges, um unmerklich weniges ärmer. Eine Nacht war heraufgekommen, irgendeine, wichtig-unwichtig, eine volle, warme Septembernacht – ganz war sie jetzt da. Breit und schwer rauschte sie dahin, brütete überm Hafen, überm Fluß, verdichtete sich unter den Brückenbögen. Alles füllte sie und führte es in immer tiefere Schwärze. Viele schliefen jetzt schon, und auch die Kapitänswitwen in der "Seefahrt" löschten jetzt eine nach der andern das Licht aus und gingen zu Bett. Auf ihren Kommoden lagen in der dunklen Stube die Korallenstücke und großen Muscheln, Andenken an ihre Männer, die lang schon auf dem Grund des Meeres ruhten. Viele aber wurden jetzt in der Nacht erst lebendig. Frauen gingen auf die Hafenstraße und blickten umher. Sie knipsten mit den Augen und riefen Passanten hinterher. Unter der Laterne standen sie. Es füllten sich die Bierhallen, die Papierlaternen schaukelten, wo Türen sich öffneten, und dünn und schrill klirrte das Klavier."

Hörbeispiel 2